Texte

Blausam 1

Einführung in die Ausstellung „Malerei und Objekte“ in 2009

Ins Blau hinein

– wie Sie sehen. Da freut es mich, die einleitenden Worte zu Doris Schmidts Ausstellung zu sprechen, für die ich mich bei der Künstlerin bedanken möchte.
Als ich vor kurzem in diese Praxis kam, um mir die Bilder anzuschauen, war ich überrascht. Denn es ist nicht leicht, Ausstellungen in einem anderweitig besetzten Raum – materiell oder atmosphärisch – zur Geltung zu bringen. Hier finde ich, dass die Hängung und Komposition der Bilder und Objekte gelungen ist, dass die Gestaltung den Bildern und Räumen entspricht, dank des professionellen Blicks von Luisa Landsberg und Doris Schmidt.

Der erste Blick hier im Empfangsraum führt uns sofort in die Welt der vielfältigen Farben und Bewegungen und mag den PatientInnen, die hier ein- und ausgehen oder humpeln (zu denen habe ich auch schon gehört), für einen Moment ihre Gebrechen vergessen lassen, sie ins Reich der Visionen führen, die zum Heilungsprozess beitragen können. Die Farbfreudigkeit und Abstraktion der Bilder inspirieren in ihrem raumgreifenden und detaillierten Stil dazu, der eigenen Betrachtungsweise freien Lauf zu lassen, die Vielschichtigkeit zu ergründen und sich vom Leuchten anstecken zu lassen. Die Sonnenerde zum Beispiel und die anderen in gelb-orange-rot-weiß gehaltenen Bilder geben den Behandlungsräumen etwas Lichtes.

Die Malerei von Doris Schmidt ist geprägt von geometrischen Formen und geraden Linien, die durch einen schwungvollen Strich mit Pinsel oder Spachtel in Bewegung gebracht werden, von Kreisen durchkreuzt oder übertönt. Dieses Zusammentreffen von Geraden und Rundungen gibt den Bildern ihre Spannung und Lebendigkeit, löst die Formen auf und schafft sie neu. Die Künstlerin und Galeristin Mesaoo Wrede spricht von einem „Spannungsbogen zwischen ordnender Form und malerischem Ausdruck“, der den Arbeiten der Künstlerin zu Eigen ist.

Ob auf Papier, Leinwand oder Holz: Bewegung spielt für Doris Schmidt seit ihrer Kindheit in ihrem gesamten Leben eine Rolle, ist neben ihrer sportlichen Karriere charakteristisch für ihre künstlerische Ausdrucks- und Herangehensweise. Sie ist Motivation und Hintergrund, sei es in ihrer Fotografie, in ihren Tonplastiken, in ihren Assemblagen oder in ihrer Malerei. Mir fällt dazu ein Super-8-Film ein, in dem die jugendliche Doris Schlittschuh läuft, auf dem Eis tanzt, auf dem Eis getanzte Spuren hinterlässt. Eisgeflüster?! So heißt das Bild im Warteraum, das trotz der Bewegung Ruhe ausstrahlt, auf die Mitte konzentriert ist. Die Bewegung in den Bildern geht nach außen und innen gleichermaßen.

Im selben Raum sehen wir den Rostvogel, einer ihrer Objekte, die sie aus Fundstücken zusammenfügt und gestaltet. Die Stand- und Wandobjekte gehören neben den farbexpressiven und schwarz-weiß-grauen Bilden mit zu ihrem künstlerischen Ausdruck.

Schließlich möchte ich zu den neu entstandenen Bilder dieses Jahres kommen, die auch die nach außen und innen gerichtete Bewegung zeigen, sich aber in Technik und Strich von den anderen unterscheiden. Auf Leinwand gespachelt wirken sie mehrdimensional, aufbrechend und einbrechend, aufgewühlt, zerrissen vielleicht. Alle, die Doris Schmidt kennen, wissen, dass dieses Jahr ein besonders herausforderndes für sie war, wohl bis an die Grenzen gehendes. Die Titel dieser Bilder sprechen für sich: Surface fragile, Spurensuche, Windspiel.

Und hier gehört der Künstlerin meine Bewunderung, wie sie trotz aller Turbulenzen oder gerade deshalb dem Spielerischem Platz in ihren Bildern einräumt. Spielraum gleich Freiraum. Sie selbst sagt dazu: „Malen – das bedeutet für mich auch, im Prozess Entstandenes, Formen und Farben immer wieder loszulassen, mich auf Neues einzulassen, die Veränderung zu wagen oder mich zu entscheiden, beizubehalten, was entstanden ist.“

Ausdruck und Resultat eines solchen vielschichtigen und nuancierten Arbeitsprozesses sehe ich besonders in den beiden Bildern, den Triptychonen, hinter dem Tresen. Mich erinnern sie in ihrer Dreiteiligkeit und sprühenden Fülle an die japanische Gedichtform des Haiku, das mit seinen drei Zeilen einen Lebensaugenblick erfasst oder wie es charakterisiert wird: siebzehn Silben so lang wie ein Atemzug.

„Feuerwerk im Mai
ozeanische Tiefe:
blausam eins und zwei“

Aber nun sehen Sie selbst, die Bilder sprechen für sich, lassen Sie sie wirken. Wahrscheinlich lösen sie bei allen etwas anderes aus, je nach Betrachtungsweise: im Vorbeigehen oder Stehenbleiben, von nah oder aus der Distanz. Im Zwiegespräch. Oder fragen Sie die Künstlerin. Doris Schmidt steht für alle Bemerkungen und Fragen gern zur Verfügung. Viel Vergnügen!

Traude Bührmann
Berlin, 13. Oktober 2009

 

Blausam 2

Einführung in die Ausstellung „Malerei und Objekte“ in 2008

Es ist mir eine große Ehre und ein Geschenk, in die Ausstellung von Doris Schmidt einführen zu dürfen. Zumal ich die Künstlerin seit vielen Jahren persönlich gut kenne und ihre künstlerischen Wege mal näher, mal ferner mit begleitet habe. Eindrücklich in Erinnerung ist mir noch ein gemeinsamer Portugalurlaub im Jahr 2000, wo wir drei Wochen gemalt haben – und ich oft den Satz hörte: Ich weiß nicht, ob das was für mich ist. Und dieses Fragezeichen hat die malerischen Arbeiten von Doris Schmidt lange begleitet.

Sie selbst sagt dazu:

„Ich habe meine Anläufe, das Malen aufzugreifen, immer mit dem Fazit abgeschlossen: „Das ist nichts für mich. Irgendetwas scheint mich dennoch immer wieder fasziniert und veranlasst zu haben, einen neuen Versuch zu starten. Aus heutiger Sicht ist mir klar, was mich gebremst hat: Alle früheren Zugänge zur Malerei waren an das Gegenständliche gebunden.“

Die Bilder, die wir heute hier sehen, sind zweifellos nicht mehr an das Gegenständliche gebunden und machen deutlich, welchen Weg Doris Schmidt künstlerisch zurückgelegt hat und dass aus dem „Ich kann nicht“ offensichtlich ein ‚Yes, she can’ geworden ist.

Was so einen Weg überhaupt möglich macht, ist Beharrlichkeit. Viele Jahre hat sich die Künstlerin intensiv autodidaktisch mit den verschiedensten kreativen Gestaltungs- und Ausdruckmöglichkeiten auseinandersetzt: der Fotografie, die durch die Indienreise wieder neue Impulse bekommen hat, das jahrelange, intensive Modellieren und Plastizieren, an dass sich einige hier sicher noch gut erinnern können. Das vollständige vereinnahmt sein von einer Sache sowohl im Innen als auch im Außen. Und dann die Annäherung auf verschiedenen Wegen hin zu Ihrer heutigen, abstrakten Malerei und dem Verarbeiten von Fundstücken zu Objekten.

Ich habe diese unterschiedlichen Beschäftigungsphasen als Suchbewegung und Aneignungsprozess wahrgenommen, in dem es darum ging, im Dialog mit dem Material dass jeweils Spezifische herauszuarbeiten, die Eigenheiten und Besonderheiten kennenzulernen. Nicht nur des Materials sondern auch des eigenen Verhältnisses dazu.

Dieser Suchbewegung und diesem Aneignungsprozess, dem Doris Schmidt über viele Jahre gefolgt ist, spiegelt sich komprimiert in den hier gezeigten Exponaten wieder. Und genau das würde ich als das konzeptionelle bzw. grundlegende Arbeitsprinzip der Künstlerin bezeichnen.

Doris Schmidt sagt über sich selbst:

„ Malen – das ist für mich Experimentieren mit Farben, mit Material und mit Formen. Von diesen drei ‚Ebenen‘ lasse ich mich inspirieren und leiten. Ich stelle alle Sachen auf den Tisch, und dann schaue ich, wohin es mich zieht. Zu welchen Farben, zu welchem Malgrund, ob zu Pinsel oder Spachtel, zu welchen Formen …“

Die Komposition der Bilder ist also ein situativ ausgestalteter Prozess des Weglassens, Hinzufügens, Übermalens, Neusetzens, das auch den experimentellen Charakter der Bilder ausmacht. Diese Vorgehensweise erinnert ein wenig an dass von den Surrealisten propagierte „Anzapfen des Unterbewussten.“

Natürlich könnte man dann letztendlich auch sagen, dass jedes Bild mehr oder weniger ein Zufallsprodukt ist. Doch was wir hier als abgeschlossenes Werk sehen, ist nicht wirklich zufällig, sondern das Ergebnis dieses intensiven Auseinandersetzungsprozesses, dem ich die Überschrift geben wollen würde: Was ist wirklich wichtig? Oder- wie stimmt es wirklich?

Ich verstehe diese Vorgehensweise als Ordnungsprozess, in dessen Verlauf Form, Farbe, Raum, Intensität, Vordergrund und Hintergrund, Licht und Schatten den passenden Platz von der Künstlerin erhalten. Jede Farbnuance und jede scharfe oder unscharfe Form bekommt genau den Raum und Platz, den sie braucht, um sowohl als Detail ihre volle Kraft zu entfalten als auch das Verhältnis zwischen Spannung und Harmonie der Gesamtkomposition zu bestimmen.

Und dass ihr dies gelingt, zeigen die Bilder selbst am Besten.

Was wir hier sehen, sind natürlich nur Ausschnitte des künstlerischen Schaffens von Doris Schmidt, die aber einen Querschnitt ihrer Arbeiten darstellen und sich aus meiner Sicht 3 verschiedenen Gruppen zuordnen lassen:

  • die farb-expressiven Bilder,
  • die schwarz-weiß-grauen Bilder,
  • die Wand- und Standobjekte.

Die Hamburger Galeristin Mesaoo Wrede schreibt über die farb-expressiven Bilder von Doris Schmidt:

„Die malerischen Arbeiten der Künstlerin sind geprägt durch einen expressiv leuchtenden Farbausdruck, der die BetrachterInnen sofort in ihren Bann zieht.
Mit schwungvoller Geste sind raumgreifend Farbschichten mit Pinsel oder Spachtel auf Leinwand oder Papier aufgebracht worden. Strukturen, die durch den teilweise pastös wirkenden Farbauftrag entstehen, werden von der Künstlerin in die Gesamtkomposition aufgenommen. Selten lassen sich in ihren abstrakten Malereien Spuren von Figurativem erkennen, vielmehr sind die das malerische Chaos ordnenden Prinzipien minimal angedeutete Linien und geometrische Formen.“

Allen Exponaten gemeinsam ist ihre vitale und intensive Ausstrahlung, die sich auf ganz unterschiedliche Weise ausdrückt.

Der Kunsthistoriker Hans Sedlmayr schrieb:
„Kunst ist eine Sprache, und eine Sprache ist dazu da, um verstanden zu werden.“

Abstrakte Malerei ist da immer eine Herausforderung, denn sie bietet keine klar erkennbaren Inhalte an wie die gegenständliche Malerei.
Auch die Bilder von Doris Schmidt bieten zunächst vermeintlich Nichts an, die überwiegend abstrakt gehaltenen Titel geben keine Deutungsmuster, keine Interpretationsmöglichkeiten vor. Was die Bilder uns anbieten, sind Reportagen über den Entstehungsprozess, die sehr eigene Geschichten erzählen.

Die Bilder laden ein, dass alle ihr Eigenes darin finden können. Die Resonanz mit den Bildern mag Assoziationen auslösen, Gegenständliches entstehen lassen. Was immer es sein wird, wünsche ich uns allen eine entdeckungsreiche Reise durch die Ausstellung.
Viel Freude und Danke für die Aufmerksamkeit!

Friederice Kley
November 2008

 

Besprechungen Doris Schmidt

Besprechung der Ausstellung „Malerei und Objekte“ in 2008

Ich habe fest daran geglaubt, dass Kunst die Realitätswahrnehmung der Menschen verändern kann, wenn sie eine klare Aussage über etwas Relevantes im Leben der Menschen macht. (Judy Chicago 1)

Doris Schmidt zeigt in dieser Ausstellung ausgewählte Malerei und Objekte. Schon zu Schulzeiten übte der künstlerische Ausdruck eine große Faszination auf sie aus. Wie bei vielen Künstlerinnen mündete auch ihr Weg nicht in eine klassische Ausbildung, sondern ist geprägt durch ein jahrzehntelanges Experimentieren mit dem künstlerischen Ausdruck in verschiedenen Genres.

Zunächst sah sie ihr künstlerisches Engagement vor allem verortet in der Bewegung und im Tanz Dies führte sie über die langjährige Beschäftigung mit dem Plastizieren in Ton und auch der Bildhauerei schließlich zu den heutigen malerischen Arbeiten. Als Inspirationsquellen für ihr künstlerisches Schaffen kommt deshalb neben ihren Lebenserfahrungen sowohl der Bewegung als auch der Bildhauerei eine besondere Bedeutung zu.

Die malerischen Arbeiten der Künstlerin sind geprägt durch einen expressiv-leuchtenden Farbausdruck, der die BetrachterInnen sofort in ihren Bann zieht. Mit schwungvoller Geste sind raumgreifend Farbschichten mit Pinsel oder Spachtel auf Leinwand oder Papier aufgebracht worden. Strukturen, die durch den teilweise pastös wirkenden Farbauftrag entstehen, werden von der Künstlerin in die Gesamtkomposition aufgenommen.

Selten lassen sich in ihren abstrakten Malereien Spuren von Figurativem erkennen, vielmehr sind die das malerische Chaos ordnenden Prinzipien minimal angedeutete Linien und geometrische Formen. So entsteht ein Spannungsbogen zwischen ordnender Form und malerischem Ausdruck, der in den ausgestellten Arbeiten als charakteristisch für das Schaffen der Künstlerin bezeichnet werden kann.

Südlicht
– Mischtechnik auf Papier, 34 x 48, 2007 –

Intensiv leuchtendes Grün korrespondiert mit einem von sehr licht in tief dunkel changierendem Blau. Die orangefarbenen Sprenkel zum einen aus großer Ferne durch grüne Schichten scheinend, zum anderen in typischer Manier der Künstlerin aus dem Bild reliefartig wachsend angebracht, geben dieser Arbeit eine besondere Weite. Eine Weite, die das Naturempfinden der Künstlerin – auch eine ihrer Inspirationsquellen – eindrucksvoll wiedergibt. Die BetrachterInnen werden in Licht-Grün-Wasser hineingezogen und erleben diese Assoziationskette quasi gleichzeitig.

L’ un de l’autre 2
– Acryl auf Papier, 34 x 23, 2007 –

Eine andere durch ihre Farbkomposition auffallende Arbeit kommt durch den Einsatz von geometrischen Formen wie Kreis und Rechteck vordergründig geordneter daher. Eine Häuserlandschaft scheint sich im Hintergrund anzudeuten. Um den das Bild dominierenden in orange-grün gehaltenen Kreis ist ein quadratisches Feld angelegt. Hier spielt die Künstlerin mit den Prinzipien des vordergründig Erkennbaren. Letztendlich können die BetrachterInnen entscheiden, inwieweit sich der Abstraktion überlassen oder den angedeuteten erkennbaren Strukturen folgen.

Abstraktion meint in den Malereien von Doris Schmidt nicht Reduktion, vielmehr scheint sie aus der Fülle ihrer Wahrnehmung und ihrer Eindrücke ein Farbenextrakt zu schaffen. Vieles scheint am Anfang des gerade Entstehenden angesiedelt, hat sich aber aus dem Chaos des Undefinierbaren bereits entfernt.

„Energy made visible“ äußerte der amerikanische Kunstkritiker 1972 B. H. Friedmann über die abstrakten, expressiven Arbeiten einer Lee Krasner 2). Sie selbst sagte über ihre Arbeiten: “Ich bringe das, was ich das Organische nenne, mit dem, was ich das Abstrakte nenne, zusammen“.

Auf dem Weg, diesen Ansatz mit ihrer Malerei weiter zu erforschen und ihn so weiter zu vervollkommnen, möchte eine/man Doris Schmidt verorten.

Die Objekte „ Fundstücke des Lebens“

Fantasievoll erzählend kommen die in dieser Ausstellung gezeigten Objekte der Künstlerin daher und tragen alle bereits Spuren einer anderen Vergangenheit. Die Fundstücke, die sie als Ausgangspunkt für ihre Objekte und Skulpturen verwendet, sind aus den unterschiedlichsten Materialien wie Holz und Metall. Mit minimalen künstlerischen Eingriffen wird ihnen ein neuer Charakter gegeben. Fragil wirkt der Vogel aus Metallschrott („Rostvogel“) und auch das hier gezeigte bearbeitete Holzfundstück „Holzvogel“. Montiert auf vier lange Metallstellen scheint es sich einer Flügelschwinge gleich in die Lüfte erheben zu wollen.

Vielleicht wird gerade hier der gleich zu Anfang in diesem Text genannte Bezug von Doris Schmidt zu Tanz und Bewegung besonders deutlich.

Die in ihrer Materialität deutlich präsenten Objekte bekommen durch die Anordnung auf den sie fast schwebend wirkend lassenden Stelen eine besondere Leichtigkeit und verlieren ihre Schwerkraft und Bodenhaftung.

„Malen – das bedeutet für mich auch, im Prozess Entstandenes, Formen und Farben immer wieder loszulassen, mich auf Neues einzulassen, die Veränderung zu wagen oder mich zu entscheiden, beizubehalten, was entstanden ist.“
Doris Schmidt über ihre Kunst 2008

Mesaoo Wrede
Galeristin, Hamburg 2008

1) Judy Chicago, amerikanische, feministische Künstlerin, 1938 geboren, zunächst Malerin, Initiatorin der „Dinner Party“
2) Lee Krasner, amerikanische Malerin des abstrakten Expressionismus (1908 bis 1984)